Bericht 135: Der Kronenzwölfer

Folgende Geschichte hat sich zwar im letzten Jagdjahr ereignet, aber wie ich finde, ist sie es auf alle Fälle wert, noch erzählt zu werden!

Es war der 17. September. Wie häufig um diese Jahreszeit, war ich schon früh morgens in unserem schönen Revier unterwegs. Da ich im Jahr zuvor einen Trophäen-Hirsch erlegt hatte, durfte ich laut revierinterner Regelung die zwei darauffolgenden Jahre keinen T-Hirsch jagen. Also galt mein Bestreben in jenen Tagen dem Kahlwild.

Am Abend zuvor  hatte mein Jagdfreund Albert hoch oben auf der Sonnenseite ein paar Stück Kahlwild und einen geringen Hirsch beobachtet. Da dieser es  aber nicht wert war, danach zwei Jahre auszusetzen, blieb der Finger gerade. Natürlich hatte er mir dennoch spät abends das Erlebte geschildert, und so zog es mich am nächsten Morgen dorthin. Während des langen und steilen Anstieges, setzte ich mich immer wieder, um die umliegenden Hänge nach Wild abzusuchen. Als ich schließlich ganz oben angelangt war, machte ich es mir unter einer Lärche bequem und glaste das ganze Gebiet ab. Auf Anhieb stach mir ein kleiner roter Fleck, den ich am gegenüberliegenden Hang zwischen den Latschen ausmachte, in die Augen. Ich konnte nicht erkennen, worum es sich handelte, vermutete allerdings, dass es womöglich das Rotwild vom Vortag sein könnte. Als ich ein wenig später auf einmal die Krone eines Hirschgeweihs zwischen den Latschenzweigen entdeckte, durchfuhr es mich wie ein Blitz. Was tun? Ich durfte ja nicht schießen! Alles Mögliche schoss mir in dem Moment durch den Kopf. Dann fiel mir ein, der Albert musste her! Ich rief ihn an und flüsterte ihm zu, daß vor mir in den Latschen ein Kronenhirsch steckte, er möge sich beeilen, heraufzukommen. Da Albert aber gerade beschäftigt war und der Aufstieg auch im Laufschritt nicht unter einer Stunde zu bewältigen ist, mußte ich lange warten und bangen.

Der Hirsch ruhte in den Latschen. Ich sah nur etwas von ihm, wenn er das Haupt schüttelte. Ungefähr eine Stunde später wurde er hoch, und erst jetzt sah ich, um welch gewaltigen Hirsch es sich handelte. So einen hatte ich in unserem Revier noch nie gesehen! Und jetzt mußte ich mich einstweilen mit dem Beobachten begnügen. Als er dann ein paar Schritte von mir wegzog, wurde ich sehr unruhig und konnte es kaum erwarten, daß mein Jagdfreund endlich kommen würde. Der Hirsch aber stand seelenruhig auf der gegenüberliegenden Seite und sicherte in alle Richtungen.

So verstrich eine weitere halbe Stunde und endlich hörte ich, wie sich jemand schwer schnaufend von hinten näherte. Ich brauchte nicht viel zu sagen oder zu zeigen. Albert hatte die ganze Situation sofort im Griff und keine zwei Minuten später brach der Schuss. Der Hirsch zeichnete stark und machte einige Fluchten nach vorne wo ihn eine zweite Kugel ereilte. Wir sahen noch, wie er in die Latschen sprang, dann war die Bühne leer.

Unsere Freude war enorm! Ich mußte natürlich alle Einzelheiten, die ich in den letzten zwei Stunden gesehen hatte, genauestens schildern, und so saßen wir noch eine Weile da, lachten und freuten uns. Als wir dann nach der obligatorischen Stunde Wartezeit die Bergung in Angriff nahmen und schließlich vor dem erlegten Wild standen, waren wir schlicht überwältigt. Ein Kronen-Zwölfer mit dicken massigen Stangen und langen Enden! So einen Hirsch hatte man im Revier Sexten schon lange keinen mehr gesehen, geschweige denn erlegt. Für unsere Begriffe und für unser Revier ein kapitaler Hirsch!

 Die Bergung war alles andere als ein Honigschlecken. Sie dauerte fast den ganzen Tag. Obwohl es immer nur bergab ging, mussten wir Verstärkung anfordern. Der Hirsch wog aufgebrochen immerhin 160 kg. So konnten wir ihn das letzte Drittel des Weges mit einem Hornschlitten transportieren, den unsere Helfer mitgebracht hatten. Endlich an meiner Berghütte angelangt, warteten ein (oder mehrere) kühle Biere auf uns. Mit unseren Kräften am Ende, aber überglücklich, brachten wir den Hirsch schließlich ins Dorf und versorgten ihn in der „Endstation“ (so nennen wir unsere Kühlzelle).

Dass dieser Tag, noch ziemlich lange dauerte, versteht sich wohl von selbst. So ein Jagderlebnis mit Weidmannsheil hat man halt nicht alle Tage.                    

 

Weidmannsheil und Weidmannsdank!

                                                                                                        Bericht und Fotos:  Christian Schwienbacher

 

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