| Bericht 61: Hirschjagd der etwas anderen Art |
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So fing alles an: Im Winter von 2008 auf 2009 schneite es sehr oft und sehr viel. Deshalb blieb der Schnee lange liegen, sehr lange sogar. Mitte März lag in den höheren Lagen immer noch mehr als ein halber Meter Schnee. Deshalb hielten sich die Hirsche noch im Wald auf und sie blieben dort, weil sie hier mit einem Heuballen gefüttert wurden und so keinen Grund hatten, sich irgendwo anders aufzuhalten. Zum einen die bereits angesprochene Winterfütterung, ohne die es das Wild die langen und harten Wintermonate über noch schwerer hätte als ohnehin schon und zum Zweiten sind sie in der Höhe viel ungestörter und brauchen so die knappe Energie nicht in kraft raubende Fluchten einzusetzen. Schon ab Anfang März ging ich regelmäßig in die Maurer Alm, ins Maura. Ich kann mich noch erinnern, damals, als wir Mitte Februar den neuen Traktor bekommen haben und ich mit Simon dann die erste Fahrt gemacht habe, hat er mir schon gesagt, dass ich nun fleißig ins Maura gehen solle, denn jetzt langsam „isch man nimma sicho, weil an olto konn iotz noar angaling schon ouwerfn.“ So nahm ich mir das zu Herzen und ging deshalb viel fleißiger als zuvor. Zum Glück hatte ich die Schneeschuhe bekommen, denn es wurden die Tage ja immer wärmer und der Schnee deshalb sehr weich und „potschat“. Weil ich ja so oft diesen Weg bestritt, für den ich eine gute halbe Stunde im schnellen Tempo benötigte, wurde meine Kondition auch immer besser und konnte somit ein hohes Tempo halten, ohne dass dabei meine Füße zu sehr schwer wurden und ich so schon völlig erschöpft war. Auf ca. 1800 Meter aufwärts haben die Rothirsche nämlich ihren Wintereinstand. Dort versuchte ich dann mein Glück, eine Abwurfstange zu finden. So machte ich mich auf die Suche, die eigentlich immer gleich ablief: ich ging zum Fressboden nur 20 Meter hinter der Almhütte am Waldrand neben dem Bach. An dieser Futterkrippe finden Rehe wie Hirsche gutes Heu, das extra für sie zur Winterfütterung hierher heraufgebracht wird. Zudem finden sie dort Tarnung, zum einen weil vor allem die Hirsche nur an der Hinterseite, aus dem Wald kommend, zur Futterkrippe gehen und zum anderen stehen gleich daneben große Fichten, deren große und schwere Äste fast bis ganz auf den Boden ragen. Diese dienen nicht nur zum Schutz, denn in harten Zeiten, wenn der Boden von einer dicken und hohen Schneeschicht bedeckt ist, frisst das Rotwild auch Zweige, Ästchen und Flechten der Bäume.
Simon hingegen hatte öfters das Glück, diese Hirsche zu sehen. Nicht zuletzt, ja vor allem sogar deshalb, weil er oft am Abend zum Bodensitz ging und dort auch bei schlechtem Wetter die Ausdauer hatte zu warten, bis die Hirsche kommen. Und sein Ausdauervermögen gab ihm das eine oder andere Mal Recht. Meistens kam er spät abends zu uns und sagte dann: „Heint one wido di Hirsch gfilmp!“ Simon hatte nämlich fast immer seine Filmkamera dabei, um seine Erlebnisse festzuhalten. Das bot auch für mich und auch meinen Vater die Gelegenheit, an diesen Geschehnissen teil zu haben. Ich machte mir, meiner Ansicht nach, berechtigte Hoffnungen, dass sich die Hirsche bis zum Abwurf ihrer Stangen gegen Mitte bis Ende März in diesem Gebiet aufhalten würden und ich so die eine oder andere gute Stange finden würde. Um ja nicht zu verpassen, wann der erste Hirsch abwirft, ging ich ab Anfang März beinahe täglich ins „Maura“, wie ich meiner Mutter vorher immer Bescheid gegeben hatte. Aber da ich ja Schule hatte, war es mir nicht möglich, vor 3 Uhr nachmittags zu starten, da ich erst gegen halb 3 nach hause kam und dann erst noch essen musste. So wurde es mit der Zeit knapp, denn vor der Zeitumstellung Ende März begann es um 5 Uhr schon zu dämmern.
Dieses Mal ging ich nicht gleich zum Futterstand, sondern in die Wärmseite. Dort waren ja nämlich die ganzen Spuren der Hirsche, denn dort haben sie sich den ganzen Winter lang aufgehalten und so schienen mir die vielen alten Spuren immer noch Erfolg versprechender als die einzelnen frischen Fährten. Aber wieder mal war ich zu naiv und war weit davon entfernt, meine erste Abwurfstange zu finden. An dieser Stelle sollte ich vielleicht einfügen, dass es eigentlich nicht meine erste werden sollte, denn ich habe schon mal die rechte Stange von einem jungen Eissprossenzehner gefunden. Ich kann mich daran aber nur mehr wage erinnern, denn ich war noch sehr klein. Ich weiß nicht mal mehr genau, in welchem Feld ich sie „gefunden“ habe. Denn einmal ging ich mit Simon durch die Felder, als er plötzlich sagte: „Dou osch du a amo a Stonge gfung.“ Ich aber war bis dahin der Meinung gewesen, dass sie viel weiter oben gelegen hätte. Damals ging ich mit meinem Vater an einem Sonntag durch die Felder, als ich plötzlich diese eben besagte Stange erblickte. Aber ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass ich die Abwurfstange vor meinem Vater entdeckt habe. Mir selbst ist es schon passiert, dass ich eine Stange gefunden habe und sie dann im Feld hingelegt habe, um dann mit meinem 4 Jahre alten Cousin Christian „Hirschhorn zi suchen“. Und ich tat damals auch so, als ob ich sie nicht sehe, und machte Christian die Freude, ein Hirschhorn zu finden. Und ich glaube so was Ähnliches hat damals mein Vater gemacht. Aber jetzt wieder zurück zum 20. März. Ich war enttäuscht, schon wieder nichts in der Hand zu haben, obwohl ich doch schon so oft hinauf gegangen bin. Ich wollte dann noch zum Futterstand rüber. „Vielleicht, vielleicht ist ja dort drüben noch was!“, dachte ich mir mit noch einem kleinen Funken Hoffnung. Auf dem Weg dorthin überquerte ich den total zugeschneiten Weg zur Hütte, denn in der Nacht sind ca. 30 cm Neuschnee gefallen. Und gleich neben dem Weg stand unter einem Baum ein Heuballen nicht ganz so guter Qualität. Der steht genau da, weil so viel Schnee lag dieses Jahr, dass ein anderer Nachbar diese 300 Meter bis zur Hütte mit dem Traktor nicht mehr geschafft hatte und mit den Rädern in den Tiefschnee gekommen ist, aus dem er sich nur mit fremder Hilfe wieder raus gekommen ist. Den Heuballen schoben sie dann an den Rand, dass der Weg wieder frei war. Aber wie schon gesagt, fraß das Rotwild nicht sonderlich gern und oft von diesem Heuballen. Deshalb ging ich auch ohne Erwartung hinter den Baum, nur um zu sehen, ob man sie nicht doch spürt. Aber was ich da sah, das war unvorstellbar. Da lag doch wirklich eine Abwurfstange auf dem Heu. Genau dort, wo ich sie am wenigsten vermutet hätte. Ohne es richtig realisieren zu können, nahm ich die Stange blitzartig in die Hand, noch bevor ich überhaupt in der Lage war, um festzustellen, wie viele Enden die Abwurfstange hat. Als ich dann zu zählen begann, konnte ich nicht mal richtig zählen. Das ging dann, so habe ich es zumindest in Erinnerung, wie folgt: „Eins, zwei, drei, vier, fünf! Nein, falsch! Noch mal! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs! Halt! Da ist ja noch eine ganz kleine Sprosse! Sieben! Also: ein Vierzehnender! Gewaltig!“ Und es war die rechte Abwurfstange. Ich hielt sie lange in meiner Hand und begutachtete sie sehr stolz und ganz zufrieden. Das Gefühl in diesem Moment war einfach nur gut und ich war nur glücklich. Alles andere war für mich jetzt nebensächlich und unwichtig. Es machte mir in diesem Moment und auch danach nichts aus, dass ich so oft ohne Erfolg wieder nach Hause kam, denn das wurde nun alles von dieser Abwurfstange überschattet und wieder gutgemacht. Als ich mich wieder halbwegs gefasst habe, wollte ich konzentriert weitersuchen um auch die zweite Stange dieses wirklich guten Hirsches zu finden. Aber ich ging einfach nur noch irgendwie durch den Wald und war nicht imstande mit einer Disziplin weiterzusuchen. Und mittlerweile war es auch schon wieder Zeit umzukehren, und so machte ich mich ganz erleichtert auf den Weg nach hause. Zwischendurch blieb ich immer wieder stehen, um die Stange zu begutachten und zu bewundern und jedes Mal machte ich einen tiefer Seufzer der Erleichterung. Und nun begann ich auch zu begreifen, warum man dieses Gefühl so benannt hat. Irgendetwas schweres, das bis vorhin in mir schlummerte, und mich immer wieder darüber nachdenken ließ, wo die Stangen sein könnten, war plötzlich weg. Ich fühlte mich einfach nur befreit und zurzeit konnten nichts und niemand meine gute Laune trüben. Deshalb kam mir der Weg nach Hause viel zu schnell vor, denn die vielen wunderbaren Gedanken ließen die Zeit einfach viel zu schnell verstreichen. Wieder herunten angekommen, ging ich zuallererst hinauf in die Wohnung und hielt die Stange an einen Hirsch. Dieser ist ein ungerader Zwölfer. Als ich dann die Stange rangehalten habe, kam ich von dem Staunen nicht mehr heraus, denn die Stange passte nicht daneben: sie war einfach zu lang und berührte die Decke. Nun erst realisierte ich wirklich, wie gut die Stange eigentlich ist. Denn der Hirsch an der Wand präsentierte ordentlich, ein wahrer Figurhirsch mit langen und weiß polierten Sprossen. Leider sind die beiden Augsprossen abgekämpft.
Später dann, als ich die
Stangenlänge abgemessen habe, kam ich auf ganze 96 cm. Dann
schrieb ich Simon gleich SMS, in der stand, dass ich im Maura
die rechte Stange eines Vierzehnenders gefunden habe. Denn das
Handy habe ich fast nie mit, wenn ich in den Wald gehe. In
vielen Orten ist ja sowieso kein Empfang und es ist herrlich,
wenn man die Ruhe richtig genießen kann und nicht durch das
Klingeln des Telefons gestört wird. Am Abend, als Simon von der Arbeit kam, kehrte er natürlich zu, um die Stange zu sehen. Als er sie dann in den Händen hielt, sagte er zu mit: „Na, bravo Markus, des osche wirklich guit gimocht; suppo!“ Als ich dann die Stange voller Freude meinem Vater zeigte, musste er aufgrund seiner Kenntnisse mein Gefühl der Freude notgedrungen ein bisschen senken, da eine Sprosse mindestens 2 cm lang sein muss, um mitgezählt zu werden. Erst im Herbst wird es dann wieder interessanter mit den Hirschstangen, denn es ist ja bekannt, dass die meisten Hirsche in der Brunft erlegt werden. Somit ist es interessant zu sehen, ob man von einem der erlegten Hirsche eine Abwurfstange hat. Man kann anhand dieser sehen, wie sich das Geweih entwickelt hat. Am 30. September ging ich wieder früh ins Bett und schlief auch gleich ein, da ich doch sehr müde war wegen gestern. Doch das stellte sich als nicht so gute Entscheidung heraus. An diesem Tag schoss Robert den Hirsch, und zwar nicht irgendeinen, sondern meinen Hirsch. Simon, der den Hirsch mit dem Traktor holte, erkannte das schon, als er noch im Traktor saß und die rechte Stange im Scheinwerferlicht erblickte. Als ich mir in der Früh noch schnell den Hirsch anschaute, sah ich ganz genau, dass es der gleiche Hirsch war. Allerdings stellte ich mir vor, dass der Hirsch eigentlich besser würde und ein Vierzehnender wäre, doch wegen des harten Winters und des vielen Schnees, der noch im April lag, war zu wenig Nahrung da und deshalb war dieses Jahr von der kleinen angedeuteten Sprosse nichts mehr zu sehen.
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