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Gamswildhege |
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Gamswildkenner sind sich seit jeher einig: „Eine Fütterung dieser
Wildart bringt mit Sicherheit mehr Nachteile als Vorteile!“ Das
scheint heute unumstritten, obwohl es auch auf diesem Gebiet
immer wieder Experimente gab und leider noch immer gibt.
Bemerkenswert ist diese Aussage, wenn wir uns im Vergleich mit
Reh- oder Rotwild vorstellen, dass es sich dabei um eine jener
Wildarten handelt, die in extremen Lebensräumen über den Winter
kommen müssen und bei denen der Winter sicher auch heute noch zu
den Hauptfaktoren in der Bestandesregulierung zählt.
Wer nun meint, man könnte also wohl
nur sehr wenig für unser Gamswild in Sachen „Hege“ tun, der
irrt. Man kann sehr viel für das Wohlergehen der Gamsbestände
tun, nur eben nicht mit dem Futtersack, sondern durch Einsatz
für den Lebensraum, durch vernünftige Jagd und durch
Berücksichtigung der grundlegenden wildbiologischen Kenntnisse
über Bestandesstruktur und Aufbau einer Gamspopulation.
Mittelalte Böcke:
Gamswild lässt sich gut
„vermarkten“, oder es wird als „Schädling“ abgestempelt, der im
Wald nichts zu suchen hätte. Beides führt immer wieder dazu,
dass die Sozialstruktur von Beständen durch die Bejagung stark
gestört wird. Dazu kommt, dass die Trophäenstärke zwar über
Fütterung nicht beeinflusst werden kann, durch den Wunsch nach
einer Trophäe wird die Bedeutung des Altersklassenaufbaues aber
oft dennoch vergessen. Immer wieder wenn ich über Gamswild
gearbeitet habe, wurde deutlich, dass vor allem die Mittelklasse
der Böcke deutlich übernutzt wird. Geißen in der Mittelklasse
führen fast ausnahmslos Kitze, und werden daher eher geschont,
Böcke sind oft viel leichter zu erlegen, weil sie ein anderes
Fluchtverhalten als die Geiß- Kitzrudel zeigen, und schließlich
ist für so manchen zwischen den Krucken eines fünf- bis
sechsjährigen Bockes und jenen eines Zehnjährigen kein großer
Unterschied. Welche Auswirkungen sind damit aber verbunden, und
wie sollte ein günstiger Sozialklassenaufbau aussehen?
Altersklassenaufbau:
Gamsböcke sind je
nach Vorkommensgebiet erst mit fünf, sechs oder überhaupt erst
mit sieben Jahren voll ausgewachsen. Trotzdem erreichen schon
die meisten Böcke mit drei bis vier Jahren eine Kruckenlänge,
die sich kaum noch von der älterer Böcke unterscheidet. Die
Sommergewichte mittelalter und alter Böcke sind beinahe ident.
Geißen sind mit drei bis vier, in manchen Gebieten der Schweiz
auch erst mit vier bis fünf Jahren voll ausgewachsen. Eine
Einteilung nach sozialen Klassen, wie sie etwa Forstmeister
Schwab vorschlägt, könnte folgendermaßen aussehen: In die
Jugendklasse fallen bei den Böcken alle Stücke vom Jahrling bis
zu den vier- oder fünfjährigen Tieren. Während der Jahrling noch
von der Mutter abhängig ist, gibt es bei |
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den
zweijährigen nur noch eine sehr lose Bindung – sie halten sich
noch in der Nähe der Geißrudel auf. Die dreijährigen Böcke sind
in der Regel noch nicht an der Brunft beteiligt, sie werden von
den reifen Böcken auch nicht als Konkurrenz angesehen, da sie
sich noch mehr oder weniger „geschlechtsneutral“ verhalten. Mit
vier bis fünf Jahren ist die volle Geschlechtsreife erreicht,
und die Böcke nehmen nun an Rangkämpfen teil.In die Mittelklasse
fallen laut Schwab alle Tiere von sechs bis zu zehn Jahren. Hier
wird die Obergrenze je nach Lebensraum und Bestandesdynamik
unterschiedlich festzulegen sein. Auf jeden Fall sind die Böcke
in diesem Alter im Vollbesitz ihrer Kräfte, sie haben
Lebenserfahrung, Ausdauer und zählen in der Hierarchie zu den
höherrangigen Tieren. Diese Böcke sind die Garanten für
eine gesunde Arterhaltung.Zur Altersklasse zählen alle Böcke mit
elf und mehr Jahren. Diese Gamsböcke zeigen bereits
Altersanzeichen wie Gewichtsrückgang, Rangverlust, Körperschäden
und sie sind teilweise bereits von der Fortpflanzung
ausgeschlossen. Bei den Geißen erfolgt die Einteilung nach
denselben Jahrgängen: Jugendklasse ein- bis vierjährig,
Mittelklasse fünf bis zehn Jahre und Altersklasse elf Jahre und
darüber. Als Richtwert für die prozentuellen Anteile der Klassen
am Gesamtbestand sollte gelten: 25 % Jugend- , 20 % Mittel- und
5 % Altersklasse bei den Böcken, und 23 % Jugend-, 22 % Mittel-
und 5 % Altersklasse bei den Geißen. Dieser Bestandesaufbau
bietet eine günstige Voraussetzung für die Entwicklung und das
Wohlbefinden .der Wildart sowie für eine geringe
Schadensbelastung des Lebensraumes.
Gestörte
Sozialstruktur:
Was geschieht, wenn in Gamsbeständen
Altersaufbau und Geschlechterverhältnis nicht ausgewogen sind?
In diesem Fall wird die Brunft mit hoher Wahrscheinlichkeit viel
länger dauern, vor allem dann, wenn viel mehr Geißen als Böcke
im Bestand sind. Geißen, die nicht beschlagen werden, werden ein
zweites Mal brunftig, dies kann dazu führen, dass es so gar noch
im Jänner zu Brunftbetrieb kommt. Kitze von Geißen, die in
dieser „Zweitbrunft“ beschlagen werden, werden später gesetzt
und gehen daher auch schwächer in den nächsten Winter.Geißen mit
spät gesetzten Kitzen werden körperlich mehr belastet, da sie
die Kitze auch dann noch säugen, wenn die Säugezeit im
Normalfall schon beendet ist. Geschwächte Geißen bringen
wiederum schwächere Kitze und verfügen über weniger Milch.
Verlängerte Brunftzeiten zehren übermäßig an den Energiereserven
der Böcke. Gibt es zuwenig reife Böcke, nehmen auch schon
Jungböcke aktiv an der Brunft teil; dies behindert in jedem Fall
ihre weitere Entwicklung. Bei falscher Bejagung und daraus
folgend gestörter Sozialstruktur beträgt die Anzahl der Böcke,
welche ein Alter von etwa zehn Jahren erreichen, nur etwa 0,5 %
des Bestandes – unter günstigen Bedingungen fallen drei- bis
achtmal mehr Altböcke an. Die Anzahl der wirklich alten Böcke
ist also ein guter Weiser, wie es um die Sozialstruktur in einem
Bestand steht. In Beständen mit gestörter Sozialstruktur ist in
der Regel der Fallwildanteil bei den mittelalten Böcken aufgrund
der oben erwähnten Gründe von vornherein höher, trotzdem wird
bei der Bejagung darauf in der Regel keine Rücksicht genommen,
wodurch sich die Struktur noch zusätzlich verschlechtert. |
Kitzabschuss:
Wenn es um den Abschuss von
Gamskitzen geht, möchte ich an die Diskussion, die vor
Jahren zwischen Wildmeister Jelinek aus der Steiermark und
Forstmeister Schwab aus Achenkirch in Tirol stattgefunden
hat, erinnern. Kurz zusammengefasst:
Schwab
ist für den Kitzabschuss eingetreten, weil damit Geißen und
Lebensräume frühzeitig entlastet werden. Jelinek hat
gemeint, man sollte die Auslese bei den Kitzen der Natur
überlassen und auf den Abschuss verzichten. Ich stehe hier
nach wie vor auf Seiten Jelineks, möchte aber
differenzieren, und zwar in Abhängigkeit vom Lebensraum. In
Gebirgsrevieren halte ich wenig vom Gamskitzabschuss mit
Ausnahme von wirklich kranken oder schwachen Stücken, hier
kommen im Bergökosystem noch immer
bestandesregulierende Faktoren, wie z. B. der Winter, in
vollem Umfang zum Tragen. Nun wird der eine oder andere
einwerfen, dass die Winter doch lange nicht mehr so
schneereich sind wie früher und dass damit der Winter für
unser Gamswild doch kaum noch wirklich zur
Bestandesregulation beiträgt. Auf den ersten Blick scheint
da etwas Wahres dran zu sein, auch wenn wir wiederum
unterscheiden müssen, wovon wir reden. Es gibt Regionen, die
zunehmend kontinentalen Charakter annehmen, hingegen haben
in den nördlichen Randalpen die Niederschlagsmengen im
Winter keineswegs abgenommen. Beachtet sollte bei dieser
Diskussion aber nicht die Gesamtschneemenge während eines
Winters werden. Viel bedeutender für unser Gamswild sind die
Spitzen- bzw. Maximalwerte, d. h. die Neuschneemenge, die
auf einmal fällt. Kommt es hier, wie im letzten
Dezennium, immer wieder zu sehr großen
Neuschneezuwächsen, so wird der Zugang zur Nahrung sehr
schwer, die Bewegungsfreiheit wird stark eingeschränkt, und
die Lawinengefahr steigt, dies kann zu sehr kritischen
Situationen für die Wildart führen.
Jagen oder Regulieren?
In Zusammenhang mit dem
Winter und natürlicher Bestandesregulation stellt sich aber
nun die Frage: „Müssen wir Gamswild regulieren, oder dürfen
wir es nachhaltig nutzen?“ Wer in Kanada Schneeziegen oder
Dallschafe jagt, wird dabei wohl kaum an eine Regulierung
denken, sondern vielmehr daran, wieviel er ohne Schaden für
den Bestand entnehmen kann. Ich denke, hier sind wir bei
einer Kernfrage, wenn es um Eingriffe in Gamswildbestände
geht: |
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„Welcher
jagdliche Eingriff ist in welchem Gamslebensraum
angebracht?“ Hier sollte nicht über einen Kamm geschoren
werden, vor allem wenn es um effektive Zuwachsprozente geht.
Dass ein richtig strukturierter Bestandesaufbau auch im Zuge
einer Reduktion eingehalten werden sollte, ergibt sich schon
aus dem Bedürfnis, dass meist Schäden reduziert werden
sollten. Wer hier nur nach Stück rechnet und trotzdem keine
Erfolge sieht, sollte anfangen nachzudenken – dies gilt auch
für Reduktionseingriffe beim Rotwild!
Lebensraumtypen:
Wir wissen heute aus Schweizer
Untersuchungen, dass der Gamswildlebensraum sich in
der Nacheiszeit keineswegs nur auf alpine Matten und
Felsbereiche oberhalb der Waldgrenze beschränkte.
Gams waren ursprünglich durchaus auch in tieferen
Lagen anzutreffen.
Vereinfacht
können wir also drei verschiedene Lebensraumtypen
einteilen, der effektive Zuwachs und damit auch die
möglichen Nutzungsraten sind in diesen Lebensräumen
deutlich unterschiedlich. Zum Typ 1 zählen die
Gamslebensräume im Hochgebirge. Hier spielt der
Winter eine wesentliche Rolle, und es kann je nach
Winterstrenge zu starken Bestandesschwankungen
kommen. Unter Typ 2 fallen Bereiche, wie wir sie
häufig in den Kalkalpen finden. Diese Lebensräume
zeichnen sich durch eine enge Verzahnung von
Einstands-, Äsungs- und Felsflächen aus. Das Klima
spielt hier in der Regel keine so dominante Rolle
mehr, das Nahrungsangebot im Winter ist meist höher
als in Typ 1, und eine Reihe von milden Wintern
führt zu einem Anwachsen der Bestände. In
Extremwintern kann es lokal zu überdurchschnittlich
hohen Fallwildverlusten kommen. Die Bedeutung von
Raubtieren als Bestandesregulator nimmt zu. Typ 3
beinhaltet Lebensräume im Wald mit eingesprengten
Felspartien. Hier hat das Klima auf die
Bestandesregulation kaum noch Einfluss, aber die
Bedeutung von innerartlicher Konkurrenz und jene von
Raubtieren, wie z. B. dem Luchs, nimmt stark zu. Die
„effektiven“ Zuwachsraten können je nach Lebensraum
und Winter zwischen 10 % und 20 % des
Gesamtbestandes schwanken (rund 70 % der setzfähigen
Geißen, d. h. vollendetes 3. Lebensjahr). Von
effektivem oder wirksamem Zuwachs spricht man im
alpinen Lebensraum, da ein relativ hoher Anteil von
Gamskitzen den ersten Winter nicht überlebt; die
Kitze, die das Jährlingsalter erreichen, werden als
wirksamer Zuwachs bezeichnet.
Gamshege heute:
Geht es um das
Wohlergehen unseres Gamswildes, so ist zusätzlich
zum Aufbau eines guten Bestandes die Erhaltung der
Lebensräume ein ganz wesentlicher und auch sehr
schwieriger Teil der heutigen Gamswildhege.
Österreich ist ein Tourismusland, und speziell der
Wintertourismus ist eine Besonderheit, die dieses
Land auszeichnet. Eine der Herausforderungen für die
Zukunft wird sein, die Landnutzung auch im
Tourismus- und Erholungsbereich so zu gestalten und
zu entwickeln, dass sowohl den Ansprüchen der
Freizeitgesellschaft als auch den Ansprüchen der
Wildtiere Rechnung getragen wird.
Bewusstseinsbildung für einen nachhaltigen Umgang
mit unserer Natur ist aber nur dann möglich, wenn
wir glaubwürdig und fundiert die Interessen des
Wildtieres vertreten.
Fotos:
Peter Unterhofer; Mölten |
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Dieser Bericht
wurde uns freundlicherweise von der Redaktion
DER ANBLICK
zur Verfügung gestellt:
Autor:
Dr.
Hubert Zeiler, Dipl.-Ing. Univ.Ass.
- Fachkenntnisse Forstwirtschaft;
Ökologie der Tiere; Wildtierkunde; Gams; Jagd /
Nachhaltigkeit; Rauhfußhühner; Sozioökonomik /
Wildforschung; Wildtierkunde; Wildtiermanagement;
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