BERICHT 12: Gamsbock in den Dolomiten

Mit meinem Kollege Norbert wurde kurzerhand beschlossen, am Sonntag den 13. November einen Pirschgang ins „Innichkar“ zu unternehmen, da wir beide noch einen Gamsbock zu erlegen hatten und die Brunft, den eigenartigen „Wetterumständen“ entsprechend, bereits im Gange war.

So trafen wir uns am frühen Morgen bei mir zuhause, natürlich mit 5minütiger Verspätung, so wie immer. Ich war überrascht, denn mit Norbert waren auch noch Lissi mit Christian und Andrea mit im Wagen. Ich dachte eigentlich, Norbert würde alleine kommen, aber diese erfreuliche Überraschung am Anfang des Tages versprach einen schönen Jagdtag. So fuhren wir durchs schöne Innerfeldtal und stellten das Auto in der Nähe der Dreischusterhütte ab, wo schließlich auch noch Mex, ein wunderschöner Hannoveraner von Christian,  aus dem Kofferraum hervorsprang. Also ging es los, und unsere Karawane zog im Morgengrauen los. Meine Beine waren noch etwas schwer und müde, war ich doch gestern den ganzen Tag mit Trojer Fabian auf Gamsjagd, und wir waren den ganzen Tag über in Bewegung gewesen und hatten zahlreiche Kilometer und Höhenmeter bewältigt. Deshalb sollte es heute auch nicht mehr ganz hoch hinauf gehen, sondern wie gesagt „nur“ mehr ins Innichkar. Langsam ließen wir in Richtung Kriegerfriedhof die Serpentinen hinter uns, und der Ausblick wurde immer atemberaubender, die Dolomiten strahlten in der Morgensonne, wobei die kalte Luft einen winterlichen Flair herbeizauberte. Durch Latschen und Krummholzwälder, auf einem ewig alten Jägersteig, kamen wir langsam ins Gamsgelände, und ab und zu konnte man auch hoch oben, in latschenbedecktem Felsengelände, einige Gämsen sehen, darunter ein junger Bock und einige Geißen samt Kitzen. Als wir schließlich die Stellung im Innichkar erreichten, hatten wir Einblick in den Kessel, welcher von hohen Wänden umgeben ist. Sofort sah ich mit freiem Auge einige Gämsen zwischen den Felsblöcken, und mit dem Fernglas konnte ich einen starken Bock ausmachen. Wir legten uns hinter einen alten Wurzelteller, und mit dem Spektiv wurden nun diese Gämsen, Stück für Stück angesprochen. Der Bock war tatsächlich nicht schlecht, der viereckige protzige Wildkörper, mit kurzem Träger und starkem Pinsel, deutete auf ein 5 bis 6jähriges Alter hin, weshalb beschlossen wurde, diesen Bock zur Strecke zu bringen. Da die Zeit nicht eilte, richtete ich die Waffe mit Ruhe ein, und nahm den Bock ins Visier, besser gesagt, ich versuchte es. Sein Brunftverhalten war für ein gutes Einrichten nicht sehr hilfreich, denn der Bock flitzte von einer Geiß zur anderen, wobei er immer nun kurz verharrte. Schließlich tat er sich auf einem großen Felsbrocken nieder, und ich war mir bewusst, dass er nicht lange liegen bleiben würde. Nach einigen Minuten stand er plötzlich auf und schaute schon wieder zur nächsten Gamsgeiß, aber bevor er einen Schritt tat, konnte ich den rechten Zeigefinger krümmen und das schwere Berger VLD-Geschoss auf den Weg schicken. Ich sah noch im Zielfernrohr, wie der Bock zeichnete, aber dennoch zog er weiter. Ein zweiter Schuss brachte den Bock auch nicht zu Boden. Dann stand er noch kurz in den Latschen, und ein weiterer Schuss hallte über die Wände empor, wobei der Bock dann hinter einer Latsche verschwand. Ich vermutete ihn verendet in einer  schmalen Rinne, und nun hieß es absteigen und an der anderen Seite des Kessels wieder aufsteigen, da zwischen dem Gelände, wo der Bock nun war und uns eine über hundert Meter hohe, überhängende Felswand klaffte. Unten im Tal angekommen, dachte ich mir, um Gewicht zu sparen, nur den leeren Rucksack, ein Messer und Mex an der Leine mitzunehmen; Gewehr, Fernglas und Spektiv versteckte ich in den Meterhohen Latschen. Nach anstrengendem Aufstieg in unwegsamen Gelände, kam ich schließlich zum Anschuss, und dann auch zur Rinne, wo ich den Bock vermutete. Keine Spur von ihm! Ich konnte meinen Augen nicht glauben, und ich kroch auch in die fast luftundurchlässigen Latschen hinein, aber nichts! Wo war er bloß, dieser Bock? Ich versuchte deshalb, mit Mex an der Leine das Gelände abzusuchen, auch am Anschuss, aber er schaute mich nur an, als ob nichts wäre. Da ich den Hund nicht kenne, wusste ich auch nicht, wie ich ihn anregen könnte, um Fährte aufzunehmen. Hätte ich das bloß vorausgesehen, dann hätte ich Norbert gebeten, in Stellung zu bleiben, denn von dort aus hätte er Einsicht in dieses Gelände gehabt, und er hätte den flüchtenden Bock sicher erspähen und erlegen können. Ich entschloss also, wieder den Abstieg anzutreten und am nächsten Tag mit einem Hundeführer aufzusteigen. Ich hätte mir am liebsten selber in den Hintern getreten, aber was soll’s, das Geschehene konnte ich nicht mehr ändern. Beim Abstieg nahm ich eine andere Richtung als beim Aufstieg, und ich kam nur langsam voran, da ich ab und zu abklettern musste, und mit dem Hund an der Leine hatte ich auch so manches Problem. Plötzlich - ich dachte gar nicht mehr an den Bock - sah ich ihn, ca. 15 Meter vor mir, niedergetan auf einer kleinen Erhebung. Ohne Gewehr, Hund an der Leine, schaute ich einige Sekunden zu ihm, und konnte nichts unternehmen. Der Bock wurde schließlich hoch und verschwand talwärts in den Latschen. Das Gewehr war nicht mehr weit entfernt, aber ich dachte, diesen Bock würde ich heute sowieso nicht mehr sehen. Ich rannte dennoch zur Waffe und kehrte wieder zurück zum Ort, wo ich den Gamsbock zuletzt gesehen hatte. Dann schoss mir durch den Kopf, dass Mex vielleicht der Fährte des Bockes folgend, denselben irgendwo aus den Latschen drücken könnte. Wenige Minuten später sah ich den Bock, dicht gefolgt von Mex, wie er ca. hundert Meter unter mir über einen Schuttkegel huschte. An einen Schuss war nicht zu denken, da alles viel zu schnell ging. Da ich das Gelände gut kenne, wusste ich, dass  der Bock auf diesem Wege nach wenigen Metern eine abfallende Wand vor sich haben würde und ein Weiterkommen für ihn nicht mehr möglich war, weshalb ich wieder losrannte, in dessen Richtung. Dort angekommen, wo ich den nun Bock vermutete, sah ich aber zu meiner Enttäuschung nur  Mex, wie er am Boden sitzend auf mich wartete. Vom Bock wiederum keine Spur. Um besser die Wand hinab zu sehen, musste ich schließlich über eine tückische, ausgesetzte Wand kraxeln, aber trotzdem war vom Bock nichts zu sehen. Plötzlich hörte ich oberhalb von mir, in einem Latschenbündel, ein Geräusch, und als ich den Kopf erhob, schaute ich dem Bock in die Augen. Er nahm eine typische Stellung ein, wie es oft die Böcke tun, wenn sie mit Rivalen kämpfen, mit tiefem Haupt und die Vorderläufe spreizend. Ich war mit beiden Händen an die Wand geklammert, das Gewehr am Rücken, und mir schoss durch den Kopf, jetzt würde er attackieren und ich würde schließlich mit ihm über diese Wand abstürzen. Der Bock wäre auch gern auf mich losgegangen, wenn nicht dieser eine Meter Steilwand uns getrennt hätte. Mit Mühe konnte ich einen guten Halt für die Füße finden und mit einer Hand den Griff am Felsen loslassen um das Gewehr in Anschlag zu nehmen. Auf kürzeste Entfernung konnte ich so dem Bock einhändig den Fangschuss antragen, und er stürzte ca. 25 Meter in freiem Flug nach unten in ein Bachbett, wo er verendet liegen blieb.

So langsam wurde mir erst bewusst, was sich die letzten zwei Stunden abgespielt hatte, und ich staunte nicht schlecht darüber, wie schnell sich ein Erfolgserlebnis in eine Niederlage verwandeln kann, oder auch umgekehrt!

Deshalb möchte ich auf diesem Wege nochmals meinem Begleiter Norbert, aber auch Lissi, Christian und Andrea, aber vor allem auch Mex zu diesem  tollen Jagderlebnis danken!

 

 

                                                                                   Bericht und Fotos: Fabian FERRARI – Jagdrevier Innichen

 

 

 

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